Umgang mit Unterrichtsstörungen

Ja, das ist dann sehr schnell beantwortet oder in sehr lange. Meine kurze Antwort: Beziehung, Beziehung, Beziehung, Konsequenz. Ich versuche mich mal an einer längeren Antwort, aber egal wie – das Thema hat Shitstorm Potential. Seid freundlich bitte.

Wir gehen mal vom großen Ganzen aus. „Der Geist des Hauses“ es macht einen riesigen Unterschied, ob sich alle für alle Kinder zuständig fühlen oder ob man doch eher mit dem Blick in die eigene Klasse gerichtet ist. Ich habe das Glück an einer Schule zu arbeiten, wo die Türen fast immer offen sind, die Kinder freundlich gegrüßt werden und freundlich zurück grüßen und wo alle an einem erzieherischen Strang ziehen.

Daher gibt es auch bei Störungen/Vergehen ein Nachdenkblatt für die 1/2 und ein Nachdenkblatt für die 3/4, das alle gleichermaßen nutzen können. Die Kinder bearbeiten das und die Lehrkraft und die Eltern unterschreiben anschließend. Das nutzt die ganze Schule und steht als ein Werkzeug zur Verfügung.

Wenn kein gutes Arbeiten möglich ist, kann man das Kind auch einfach mal für 20 Minuten in die angrenzende Klasse setzen, das ist dem Kind dann ein bisschen peinlich (soll es auch durchaus sein), geht aber halt nur, wenn die anderen Lehrer:innen das auch mittragen. Dort kann z.B. einfach weiter gearbeitet werden oder auch der Nachdenkzettel ausgefüllt werden.

Dann gibt es klassische Konsequenzen: Es gibt ständig Stress in der Pause, dann gibt es auch mal Pausenverbot. Natürlich muss dann auch mit dem Kind diesbezüglich inhaltlich gearbeitet werden. Vom drinnen sitzen wird das Kind ja nicht besser im Streit klären oder Gefühle äußern, aber das immer einfach weiter laufen zu lassen, ist eben auch keine Lösung und v.a. auch nicht das Signal: „Das war nicht ok – so geht es nicht weiter!“ Wichtig wäre dabei, dass die Konsequenz (Strafe *hust*) immer mit dem Vorfall in Verbindung steht und am besten gibt es so etwas wie eine grundsätzliche Haltung/Basis am Haus, sodass die Konsequenz möglichst gleich für die Klassen und einzelnen Kinder geregelt ist.

In der Klasse reicht es ja meist schon, wenn das Kind dann eben aus dem Tafelkino zurück an seinen Platz geschickt wird oder mal kurz raus aus der Situation. Mir ist dann wichtig, dass es um das Verhalten geht und nicht um die Schüler:innen selbst. Überall ist die Beziehung dabei: Wir sind zwei Minuten später wieder „gut“ miteinander. Nur weil ich mal schimpfe oder eine Konsequenz verteile, bin ich nicht mit dir als Mensch im Stress oder Streit. Mein Job ist es hier, gutes Lernen zu ermöglichen.

Ab einem bestimmten Punkt macht es dann auch Sinn, die Eltern einzuschalten. Ich bin niemand, der bei jedem kleinen Zwist oder Quatsch machen sofort Elternbriefe schreibt, sondern gebe gerne auch erstmal die Chance, sich da zu verbessern oder zu verändern. Aber wenn es Probleme gibt, muss man die natürlich auch ansprechen.

Je besser man seine Kinder kennt und sie einschätzen kann und je besser sie dich als Lehrkraft einschätzen können, desto leichter wird es dann irgendwann. Wenn man eine neue (v.a. 3. und 4. Klasse übernimmt), muss man erstmal super konsequent sein. Zumindest war meine Erfahrung so. Gerade am Anfang freut man sich so auf die Arbeit mit den Kindern und weiß aber noch gar nicht, wo die eigenen Grenzen liegen – was ist denn zu laut, zu frech zu sonstwas? Da braucht es ein bisschen Erfahrung, wenn man kein absolutes Naturtalent ist, das schon mit Refbeginn 10 Jahre in der Kinder- und Jugendarbeit vorzuweisen hat. Und selbst dann braucht es immer noch das Einfinden in die Lehrerrolle.

Am Ende sind die Kinder auch nicht böse, wenn du schimpfst, Ruhe einforderst usw. sondern, wenn sie das Gefühl haben, du bist ungerecht dabei. Wenn du einfach jetzt mal in Schülersprache „streng“ bist, dann ist das erstmal nichts negatives.

Unterrichtsstörungen sind auch manchmal nur ein Spiegel des eigenen Unterrichts. Wenn ich selbst unklar bin und 10 Minuten in meiner Tasche krusche, na klar entsteht dann ein Vakuum, das förmlich dazu einlädt, Blödsinn zu machen. Bei manchen Klassen reichen auch schon 2 Minuten und manchmal bin ich perfekt vorbereitet und rhythmisiere und bin super klar und trotzdem ist Vollmond und die Kinder sind einfach balla.

So grundsätzlich finde ich, dass es schon auch zur Job-Professionalität gehört, dass man möglichst ausgeglichen und „gut gelaunt“ die Kinder begrüßt. Aber manchmal hat man trotz bester Vorsätze einfach auch mal einen schlechten Tag und ist schneller genervt, auch das kennen ja die Kinder von sich selbst oder von den Eltern. Das gehört halt auch dazu. Und manchmal sind die eigenen Möglichkeiten einfach begrenzt, weil das Problem ganz woanders liegt und auch das muss man dann akzeptieren.

Wenn man ein „Thema“ in der Lerngruppe ausmacht, wie Probleme in einer bestimmten Gruppenkonstellation, bei bestimmten Orten (beim Anstellen, beim Fußball spielen in der Pause) oder Fächern, muss man das eben auch bewusst angehen, indem man z.B. gewaltfreie Kommunikation einübt (Giraffe und Wolf), Experten (z.B. Schulsozialarbeit) ins Boot holt, Projekte macht, in Kleingruppen arbeitet usw. Von selbst wird es meist nicht besser und die Strafen bringen eben nur kurz Erleichterung, aber selten die Auflösung des Problems.

Im Ganztag hatten wir immer das Ampelsystem, das ist ja auch immer wieder (zu recht) umstritten. Für uns hat es funktioniert, weil wir einfach ganz schnell einen Überblick dafür hatten, was den Tag über schon so gelaufen ist und wir als Team gemeinsam agieren konnten. In diesem Jahr war ich allein in der Klasse und wollte es bewusst mal „ohne“ probieren. Das hat auch wunderbar geklappt und ich habe es nicht vermisst. Daher wäre ich gerade dazu geneigt, es auch weiterhin wegzulassen. Aber es funktioniert halt auch einfach.

Die Kinder wollen eben nicht die Konsequenz, die es auf „rot“ gibt und schaffen es dann doch meistens, sich dann besser an die Regeln zu halten. Aber ideal ist es natürlich nicht, z.B. wenn man dann mal vergisst die Klammern zu bereinigen, bevor jemand externes im Zimmer ist und es wird von Seminarleiter:innen und Schulrät:innen einfach nicht gerne gesehen.

Das Nachdenkblatt habe ich euch mal angehängt. Ich habe es jetzt für die Sommerschule ein bisschen aufgehübscht und aktualisiert. In der Schule haben wir eine „Kopierleiche“, die den Job bisher auch gut erledigt hat. 😉

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4 Antworten

  1. Sonja sagt:

    Liebe Frau Locke, danke für deine tollen Materialien, die ich gerne so oder als Inspiration nutze. Ich habe auch so einen ähnlichen Zettel – meinen Nachdenk-/Auszeitzettel mit dem WSC erstellt. Viele Bilder und Raum für eigene Gedanken für Kinder, denen das Schreiben noch schwer fällt. Vielleicht gefällt er euch auch – liebe Grüße!
    https://www.eulenpost.ws/s/538718zauskc

  2. Susanne sagt:

    Die Nachdenkaufgabe habe ich auch :-), bei mir heißt er „Denkzettel“. Ich setze ihn ab der 2. Klasse ein (da können die Kinder gut genug schreiben), meiner erstreckt sich aber über zwei Seiten und bietet für alle Fragen mehr Antwortplatz, denn beim 1. Mal müssen sie zu jedem Punkt einen Satz schreiben, beim 2. Mal 2 Sätze, beim 3. Mal 3 Sätze… Dann ist vielen Kindern klar, dass sie das eigentlich nicht wollen und sie schaffen es sich nach einem Augenzucken schon besser zu benehmen.

  3. Anja sagt:

    Finde den Beitrag echt hilfreich, danke!

  4. Irmi sagt:

    Großen Dank für das super Bildmaterial!!!!!!!!!

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