Work-Life-Balance

Warum ist das für uns überhaupt so ein Thema? Wir haben doch eigentlich viele Freiheiten. Lediglich die Unterrichtsstunden sind festgelegt. Wann wir dann korrigieren, vorbereiten und Berichte und Förderpläne schreiben können wir doch völlig frei entscheiden und festlegen. Das sieht in vielen Berufen ganz anders aus. Klar, es kommen noch die Zusammenarbeit in Form von Treffen, Telefonaten, E-Mails und Online-Treffen mit den Eltern, dem Jahrgangsstufen-Team, anderen Kolleg:innen und anderen Institutionen dazu. In der Schule treffe ich ständig die Jugendsozialarbeit, die pädagogischen Fachkräfte der Anschlussbetreuungen und die Nachhilfelehrer:innen der Kinder (die sind zum Teil bei uns im Haus), mit denen ich auf dem kurzen Dienstweg eng zusammenarbeite. Da kommen dann die Woche schon noch einige Termine zusammen, v.a. wenn man an der Schule noch weitere Aufgaben übernimmt (die haben wir ja alle), die dann auch noch einmal Zeit und Absprachen (wieder Treffen, Mails, Tätigkeiten vor Ort) beanspruchen.

Im Moment wird viel unserer geistigen Kapazität noch durch die Pandemie bestimmt. Wir packen eigentlich ständig Päckchen, kopieren Hefteinträge, organisieren Tests, zählen Tage, wann getestet wurde, wann wieder mitgetestet wird nach einer Erkrankung usw. Laufend kommen Nachrichten von “oben”, die wir an die Eltern weiterleiten, laufend kommen Nachrichten der Eltern zurück, die Quarantäne, versäumten Stoff und natürlich noch all die anderen normalen Dinge betreffen. Ganz nebenher haben wir ja die normale Schule auch noch laufen, hier in Bayern noch mit dem miesen Zwerg Übertritt, der uns ständig zwischen den Füßen rumläuft. Wir testen die Kinder in der Woche 7 mal – an fünf Tagen, zweimal Pooltest und fünfmal mit dem Schnelltest.

Unsere Aufgaben sind mehr geworden, gleichzeitig darf es ja nicht zu Lasten der Kinder gehen. Mein Unterricht soll gleich vielfältig und gut vorbereitet sein, am besten alles im gleichen Design und natürlich differenziert und individualisiert. Ich möchte wie immer vorlesen, Spiele spielen, schöne Dinge im Unterricht unterbringen und dabei fehlen so viele grundlegende Fähigkeiten und ich müsste jeden Tag eine Stunde “Grundwissen und Sozialverhalten” einplanen eigentlich.

Wie habe ich es für mich gelöst? Ich habe Routinen aufgebrochen, plane nicht mehr so weit im Voraus, sondern nur grob die direkt folgende Woche. Da sind Pufferstunden mit drin, die nicht verplant sind und Material ist kopiert, das ich nicht brauche unbedingt zum Stand jetzt, das ich aber meinen Kindern im Notfall in die Hand drücken kann, wenn ich spontan ausfalle, einspringe, mich woanders kümmere. So einen Notfallordner hat bei uns jede Klasse in der Schule. Ich streiche Dinge von der To-Do Liste, bin geizig mit meiner Zeit und priorisiere knallhart, d.h. alles was Kosmetik ist, schöne Rahmen um Arbeitsblätter etc. fliegt als erstes. Dann gibt es eben “Buch, Seite”, dabei lernen die Kinder ja nicht zwingend weniger, oft im Gegenteil, wenn man manches schicke Material so vergleicht. Lieber habe ich gut geschlafen und kann meine Energie in die Kinder am Vormittag stecken. Die brauchen nämlich eine gut gelaunte, fitte Lehrkraft dringender als eine seitenlange, farblich codierte Schülerbeobachtung.

Wird es nochmal anders? Ich hoffe es doch sehr! Aber der Lehrermangel wird uns noch ein Weilchen beschäftigen und die finden schon wieder neue Aufgaben für uns 😉 Von daher versuche ich, bewusst zu entscheiden, wie ich meine Zeit und Kräfte einsetzen will, was unnötig ist und was wichtig, was sofort passieren muss und was noch Zeit hat und was gar nicht passieren muss eigentlich. Auch mit diesem Vorsatz verzettele ich mich noch oft genug im Alltag, aber die To-Do Liste ist aufgeräumter, wenn ich sie vorher mal kritisch hinterfrage und wenn ich mit dem dringlichsten Punkt anfange, kann ich auch dann aufhören, wann ich es mir vorgenommen habe.

Meine Alltagsretter

  • Anspruch runter, dann wird das eben erst im nächsten Durchgang “schön”, “sinnvoll” muss es sein, “sinnvoll” kann auch vermeintlich alt daherkommen
  • Zusammenarbeit mit den Kolleg:innen (bitte vor Ort um Hilfe, nimm sie an, teilt euch die Arbeit auf)
  • To-Do Liste verschlanken (sofort runterwerfen oder verschieben und priorisieren mit 1,2,3 usw.)
  • Instagram reduzieren, gute Ideen speichern, nicht direkt in die nächste Woche quetschen
  • Pareto-Prinzip bewusst einsetzen, Zeit vorher begrenzen
  • mehr Selbstkontrolle, Korrekturen nur noch mit einem Stift, keine Stempel usw.
  • Galgenhumor und liebe Mitstreiter:innen
  • nicht mehr als ein paar Stunden Schule am Wochenende

Was ist dein Alltagsretter? Teile ihn mit uns in den Kommentaren!

Diesen Beitrag habe ich für die Instagesundheitswoche geschrieben, aber er passt auch hierher 😉

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6 Antworten

  1. Manu sagt:

    Liebe Frau Locke,
    danke für diesen wichtigen Beitrag!
    Ich gehe momentan – wie viele andere KollegInnen – so ziemlich auf dem Zahnfleisch.
    Bis zu den Osterferien ist es noch verdammt lang.
    Im Grunde bin ich nur noch genervt und sowas überträgt sich natürlich auf die Kinder. Alle sind irgendwie an ihre Grenzen gekommen.
    Der Beruf macht mir persönlich aktuell keinen Spaß mehr.
    Alltagsretter habe ich nicht. Den Anspruch runter geschraubt habe ich schon seit längerem, aber trotzdem habe ich den Eindruck, dass mein Leben gefühlt nur noch aus Schule besteht und das kann es natürlich nicht sein.
    Vielleicht finde ich bei deinen Alltagsrettern oder hier in den Kommentaren noch den ein oder anderen Tipp 😉
    Bleibt nur zu hoffen, dass irgendwann nochmal besser Zeiten kommen.
    Liebe Grüße
    Manu

  2. Berti sagt:

    Liebe Frau Locke,

    ich danke dir für diesen wertvollen und sehr gut durchdachten Beitrag und besonders für die vielen Tipps, die das Lehrer*innenleben leichter machen könn(t)en. Da sind doch wirklich einige gute Ideen dabei, die sich leicht umsetzen lassen und keinen Nachteil für die Kinder bringen.

    Leider ist mein Problem – zusätzlich zu all dem Aufwand mit Corona – eine Kollegin, die “quer treibt”. Mit ihren Ideen, dass das alles nicht arg ist, Masken schädlich sind und das Impfen sowieso… . Zusätzlich werden von ihr regelmäßig auf whatsapp Dinge gepostet, die ihre Meinung in Bildern, Filmtipps, Sprüchen etc. “öffentlich” sichtbar machen. Ich habe das Gefühl, ich unsere Klasse und Schule gegenüber den Eltern für diese Hetze verteidigen muss. Es hat schon mehrere Gespräche mit der Schulleitung deswegen gegeben (die sieht das auch als Affront gegenüber der Schule, doch irgendwie gibt es nie Konsequenzen), doch immer wieder kommen solche Posts…
    Im Grunde ist viel Vertrauen verloren gegangen. Öfters bemerke ich auch im Lehrkörper zwei Fronten…
    Abschalten kann ich am besten daheim. Ich versuche mit langen Spaziergängen in der Natur, mit interessanter Lektüre, guter Musik und mit Cafebesuchen (mit netten Gesprächen) den Kopf frei zu bekommen. Und irgendwie helfen auch positive Gedanken und Vorstellungen. Trotzdem weiß auch ich nicht, wie lange dies mir gelingt.
    Ganz liebe Gedanken, Berti

  3. Yvonne sagt:

    Hallo zusammen,

    danke für den Beitrag.

    am Freitag hatte ich es mit einer Freundin davon, dass ich so erschlagen bin und nicht weiß, ob ich die zwei Wochen bis zu den Faschingsferien durchhalten kann. Wir haben daher uns gegenseitig versprochen, in der kommenden Woche ganz konkret auf uns zu achten.

    Ich empfinde es als Zumutung, was uns Lehrern noch zusätzlich aufgedrückt wird.

    Ehrenamtliche Mitarbeiter des Gesundheitsamtes,
    Prellbock für gefrustete Eltern,
    Rechtsberatung, um die immer neuen Verordnungen zu verstehen
    Putzfrau, weil die Tische nach den Tests gesäubert werden müssen,
    Telefonistin, um Eltern über mögliche positive Tests zu informieren,
    usw.
    nebenher die Klasse betreuen, was eigentlich meine Hauptaufgabe ist.

    Was mache ich gegen den Frust?
    Viel Schokolade essen, mit Kollegen zusammenhalten, keine Nachrichten hören, spazieren gehen, ein Sonnenbad nehmen, laut Musik hören, nach 17 Uhr keine Schulmails mehr lesen.

    Haltet durch!!

    Gruß,
    Yvonne

  4. Teto sagt:

    Liebe Frau Locke,

    du sprichst mir aus der Seele!
    Ich werde deinen “Alltagsretter” an meinem Schreibtisch in der Schule anbringen.
    Vielen Dank für deinen unermüdlichen Einsatz für unseren Berufsstand!

  5. Kern sagt:

    Wie wahr. Danke für deine Worte.
    Ich überlege immer, lernen die Kinder mehr, wenn ich das auch noch mache, oder geht es auch ohne. Weniger ist oft mehr.
    Dann suche ich mir im Kollegium Leute, die mir gut tun, weiche denen aus, die ich eher anstrengend finde. Klar, man muss zusammenarbeiten und konstruktiv bleiben, aber ich muss nicht mit jedem Essen und meinen Kaffee trinken.
    Bewusste Pausen. Wochenende ist heilig, da versuche ich wirklich abzuschalten.

    Und ganz viel gegenseitige Wertschätzung und aufbauende Worte und Taten. Nur wenn wir wertschätzen, was jeder einzelne leistet, können wir stark bleiben. Wenn jeder tut, was ihm möglich ist, sich einbringt und wenn wir akzeptieren können, dass manchmal einfach nicht mehr geht, dann können wir gut in unserem Beruf bestehen. Leider geht genau das verloren, wenn die Zeiten hektisch und stressig sind.

    Tragt euch und eurer Gesundheit Sorge. Ihr habt nur die Eine.

  6. Vanessa sagt:

    Hallo,
    ich bin gerade etwas beruhigt, dass es nicht nur mir so geht. Dachte schon, es liegt an mir…
    Ich habe gerade 1,5 Wochen Winterferien hinter mir, die ich so bitter nötig hatte, dass es mir fast Angst gemacht hat. Wenn mich vor 2 Wochen jemand gefragt hat, wie es mir geht, hab ich immer nur gedacht: Dont’ geht me started. Bei uns kam zur Pandemie noch ein 3-wöchiger Busstreik dazu und 2 schwangere Kolleginnen, die von einem auf den anderen Tag nicht mehr kommen durften.
    Nun hatte ich ein bisschen Zeit zum Entspannen und natürlich auch, um den Unterricht der nächsten Wochen etwas langfristiger vorzubereiten. Trotzdem ist die Motivation mit dem Blick auf den morgigen Schulstart im Keller. Meine Lust hält sich in Grenzen, obwohl ich immer ein Mensch war, der jeden Tag gerne zur Schule gegangen ist.
    Was mir in den letzten Wochen geholfen hat, war die Umstellung auf den Wochenplan. So ist die Päckchen-Packerei einfacher, wenn jemand für längere Zeit fehlt und die Kinder haben auch in Vetretungsstunden immer was zu tun. Ich habe ein 1. Schuljahr und der Start war nicht ganz leicht, aber mittlerweile haben es (fast) alle raus und kommen gut klar bzw. helfen sich gegenseitig. Eine sehr liebe Kollegin hat die Umstellung auch in ihrer Klasse gemacht und wir bereiten alles gemeinsam vor und teilen und auch die Kopierarbeit. Das macht schon sehr viel aus.
    Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir irgendwann wieder zu einem “normalen” Leben zurückkehren. Und bis dahin versuche ich, das Beste draus zu machen. Meine Erstklässler kennen Schule ja gar nicht anders… So traurig das ist, aber das versuche ich mir immer wieder zu sagen.
    Haltet durch und liebe Grüße!

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